Draußen beobachtet

Betörender Duft

Lianen blühen jetzt in vielen heimischen Wäldern
Von Professor Dr. Wilfried Stichmann. Erschienen im Soester Anzeiger am 18.07.2018


MÖHNESEE – Zurzeit genießen Naturfreunde den Wald vorzugsweise in der Abenddämmerung und in der Dunkelheit, und zwar nicht der Schönheit der Blüten wegen, sondern wegen des betörenden Duftes einer Liane, einer verholzten Kletterpflanze.
Von Juni bis August steht das Waldgeißblatt im Arnsberger Wald in voller Blüte und lockt die Nachtschmetterlinge. Der vor allem nachts seine bis vier Zentimeter langen Kronröhren öffnende Strauch windet ausschließlich an Laubgehölzen, meidet demgemäß die im Sauerland vorherrschenden Fichtenforsten. Umso regelmäßiger trifft man ihn auf Buchen-und Eichenstandorten an, zumal dort, wo der Boden kalkarm ist – oft auch auf den Kahlflächen, die in den letzten Jahren immer wieder entstanden.
Die Früchte des Waldgeißblatts, die an aufrecht stehende Johannisbeeren erinnern, sollen giftig sein und Übelkeit und Erbrechen verursachen, aber Vögeln offensichtlich gut schmecken, sorgen für eine rasche Verbreitung. Der wissenschaftliche Name „Lonicera“, den man für eine lateinische Vokabel hält erinnert in Wirklichkeit an einen Arzt (1528 – 1580), der sich auch mit der Pflanzenwelt befasste. Noch bekannter als das duftende Windgewächs waren die oft skurrilen Spazierstöcke, die man zeitweise daraus anfertigte. Sie entstanden aus Haselzweigen, um die sich die Lianen wanden und sie an den Berührungsstellen am Dickenwachstum hinderten.

von Walcoford [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], vom Wikimedia Commons

In den Gärten sieht man gelegentlich dem Waldgeißblatt ähnliche exotische Lonicera-Arten. Aber auch unsere heimische Art ist für Gärten und Parks empfehlenswert. Sie hat nach Ergebnissen neuer Untersuchungen den Vorteil, dass heimische nachtaktive Insekten sie nach dem spezifischen Duft auf Kilometerentfernung finden. Pollen und Nektar werden so reichlich angeboten, dass sich offensichtlich auch weitere Wege „lohnen“.
Förster und Waldbesitzer sehen das Waldgeißblatt nicht so gerne, weil die Einschnürung bei Hasel und Birke, sondern auch bei Eichen und anderen Werthölzern zu Schäden führen kann.