Draußen beobachtet

Wippsterte auf dem Asphalt

Aus der „Bachstelze“ wurde eine „Dachstelze“

Von Professor Dr. Wilfried Stichmann. Erschienen im Soester Anzeiger am 27.07.2019


MÖHNESEE – „Die Vögel flogen nur kurz auf und landeten gleich wieder auf dem Asphalt“, so beschreibt ein Autofahrer die Bachstelzen, wie sie häufig auf den Straßen zu sehen sind. Sie sind in jeder Hinsicht Dorfbewohner geworden. Wenn auch die Bäche, nach denen sie benannt sind, schon längst versiegelt sind, trippeln sie noch gern über Steine, auch wenn diese nicht mehr im Wasser liegen. Die müssten eigentlich „Dachstelzen“ heißen, meinte ein kleiner Vogelfreund bei einer Exkursion des Heimatvereins.
Und in der Tat ist die Bachstelze zu einem so perfekten Kulturfolger geworden, dass sie Wälder und die gebäudefreie Agrarlandschaft meidet. Ihr Nest baut sie an Dachfirsten, wo sich halb offene Höhlen an Ziegeln und Rinnen oder in Holzstößen finden. Auch Halbhöhlen, wie sie gelegentlich von Menschen an Gebäuden aufgehängt werden, sind willkommen. Allerorts im Gemeindegebiet gehören die Bachstelzen zu den häufigsten Vogelarten und zu den wenigen, deren Population nicht vom Rückgang und vom Aussterben bedroht ist.
Der Gesamteindruck ist „weiß“, was auch der lateinische Artname „alba“ unterstreicht. Neben dem weißen Gesicht und der weißen Brust fällt der im Vergleich zu anderen Singvögeln längere Schwanz auf. Und noch etwas, was auch der Autofahrer registrierte: Die Bachstelzen hüpfen nicht – wie die meisten anderen bodenbewohnenden Vögel -, sondern laufen oder trippeln. Die Beine sind nur wenig länger als bei anderen, reichen aber aus, dass die Wippsterte „Stelzen“ genannt werden.
Im Winter verlassen uns die Bachstelzen für zwei bis drei Monate. Meistens bereits Ende Februar aber sind sie aus dem sonnigen Süden zurück. In der Regel begegnet man ihnen zuerst an der Uferpromenade, später vor allem auf kurz geschorenem Rasen oder auf von der Sonne aufgeheiztem Asphalt, wo sie hastig der Insektenjagd nachgehen.
Ziemlich jedes Jahr ziehen sie zwei Bruten auf. Die jeweils fünf oder sechs Eier bebrüten allein die Weibchen, während die Männchen damit ausgelastet sind, mit kurzen „Iglitt“-Rufen oder daraus aneinandergereihtem Gezwitscher ihr Brutrevier zu markieren. Nach etwa zweiwöchiger Brutzeit werden die Jungen noch einmal solange im Nest betreut.